Glockenraub vor 75 Jahren

Zweimal verlor Kleinmölsen im 20. Jh. Glocken für Kriegszwecke

Es wird Pfarrer Kunze schwer gefallen sein, als er am 8. Februar 1942 ein Schreiben an „Frau Pfarrer Sturm“ in Kleinmölsen formulierte, um dann gleich sachlich-nüchtern das Unvermeidliche mitzuteilen: „Ich halte es für meine Pflicht, Ihnen … davon Kenntnis zu geben, daß die von Ihnen und Ihrem Herrn Sohn … gestifteten Glocken vom Reich beschlagnahmt sind. … Die Kirchgemeinde Kleinmölsen bedauert sehr den Verlust der beiden Glocken und hofft, daß es nicht notwendig wird, die Glocken einzuschmelzen, und daß sie nach Kriegsschluß die … Glocken zurück erhält.“ Diese vage Hoffnung erfüllte sich jedoch nicht, obwohl Gerhard Bley ab 1946 sofort alle möglichen Bemühungen aufnahm und auch Anfragen an „Glockenfriedhöfe“ richtete. Die beiden Glocken hatten jedoch das Schicksal von über 2.500 weiteren Glocken in Thüringen erlitten: sie wurden als „kriegswichtiges Material“ für den riesigen Metallbedarf der deutschen Rüstungsindustrie eingeschmolzen. Ihre Abnahme vom Turm und Übergabe an die „Reichsstelle für Metalle“ war bereits am 2. Februar 1942 erfolgt.
Dabei hingen diese beiden Bronzeglocken gerade einmal seit 13 Jahren auf dem Turm und sollten eigentlich eine bleibende, lange Zeiten überdauernde Zuwendung der Familie Sturm an die Gemeinde Kleinmölsen sein. Die Witwe des letzten Kleinmölsener Pfarrers Wilhelm Sturm, Anna Sturm, hatte sie erst 1928 gestiftet, denn bereits 1917, im Ersten Weltkrieg, waren zwei Glocken der Ablieferungspflicht zugunsten des „Reichsmilitärfiskus“ zum Opfer gefallen und ihre Plätze im Glockenstuhl seitdem leer. Die aus Udestedt stammende Anna Sturm (1873-1955) widmete die neuen Glocken inschriftlich ihrem kurz vorher verstorbenen Mann Wilhelm und dem Andenken an ihre schon 10 Jahre vorher verstorbene Tochter Elisabeth Sturm (1893-1918). Die Stiftungen und die Auftragserteilung erfolgten durch Anna Sturm, während in den Inschriften beider Glocken auch ihr Sohn Hans Sturm als (Mit-)Stifter genannt war. Dessen Schwester Elisabeth Sturm war am 7. November 1918 „nach hartem Ringen im blühenden Alter von 25 Jahren“ verstorben. Die am 17. März 1929 geweihten Glocken wogen ca. 360 kg bzw. 180 kg, ihr Durchmesser betrug 85 cm bzw. 67 cm und ihr Klang sollte lt. Vertrag auf die Töne b‘2 bzw. d‘2 gestimmt sein – eine passende Ergänzung des Geläutes zu der seinerzeit noch intakten alten Ziegler-Glocke von 1509.
Eine der beiden Lücken (Glocke III / Taufglocke) konnte 1954/55 durch Restmetall der gesprungenen und umgegossenen „großen“ Glocke von 1509 (Glocke I / Betglocke) geschlossen werden. Die letzte Lücke schloss sich erst 1969 durch eine Stiftung der Schwiegertochter des Pfarrer-Ehepaares Sturm, Hildegard Sturm (1896-1977). Damit wollte sie ihre Verbundenheit zu Kleinmölsen zeigen. Nur der eher unauffällige Hinweis in der Inschrift „ERNEUT GESTIFTET“ deutet das Schicksal der 1928 von der Familie gestifteten und 1942 missbrauchten Glocken an.
Die Weihe der jüngsten Kleinmölsener Glocke (Glocke II / Zeichenglocke) fand am 12. Oktober 1969 statt und endete mit einer großen Kaffeetafel im ehemaligen Pfarrhaus (Kirchplatz 12), wo Frau Sturm für die Übernahme aller Kosten gedankt wurde. Das segensreiche Wirken der Familie Sturm, von 1888 bis 1930 in Kleinmölsen ansässig, fand damit seinen Abschluss. Das Familiengrab auf dem Friedhof, wo Hildegard Sturm am 7. Januar 1978 ihre letzte Ruhe fand, ist bis heute erhalten, hat aber freilich seine einstige Ausstrahlung inzwischen eingebüßt.
Frank Störzner

Werkfotos vor der Auslieferung, Januar 1929
(Glockengießerei Franz Schilling Söhne / Pfarrarchiv Kerspleben)
Es sind die einzigen Abbildungen der beiden Glocken.