Kleinmölsen unter Beschuss (Teil II)

Neue Erkenntnisse und Fotos vom Kriegsende 1945 im Dorf

Die bedrohliche Gefahr, in der sich Kleinmölsen noch am Tag seiner Befreiung befand, wird durch die neuen Forschungen und die dadurch bekannt gewordenen Text- und Bilddokumente erst richtig begreiflich. Nach dem aktuellen Kenntnisstand, der diese authentischen Quellen aus amerikanischen Archiven mit den Erinnerungsberichten aus dem Ort verknüpft, hatte sich unmittelbar nach dem Abzug der amerikanischen Aufklärungsgruppe ein kleiner deutscher Wehrmachtsverband im Ort festgesetzt. Vermutlich handelte es sich dabei um eine Panzergruppe, die am Vormittag schon in Stotternheim Widerstand leistete, aber zurück weichen musste und floh. Um die Mittagsstunde am 11. April 1945 herum näherten sich vermutlich diese Fahrzeuge von Nordwesten her über den Gottesrain dem Ort. Das Drama begann, als die Panzer aus dem Dorf heraus das Feuer auf die in dichter Folge auf der Straße von Töttleben her nach Osten vorstoßenden Hauptkräfte des CCB (Combat Command B / Kampfkommando B) der 4. US Armored Division (Panzerdivision) der Dritten US-Armee eröffnen – und das, nachdem Kleinmölsen nach der ersten, „stillen“ Besetzung eigentlich schon als feindfrei gemeldet worden war. In der zeitnah erfolgten Schilderung in der Ortschronik ist von „Verzweiflungsschüssen“ die Rede, die nach den Zeitzeugenberichten mindestens von einem Panzer in der Vieselbacher Straße – am damaligen nördlichen Ortsrand neben der Schmiede (Hausnummer 64) stehend – ausging. An eine militärische Wendung konnte zu diesem Zeitpunkt jedoch niemand mehr ernsthaft glauben. Aber noch immer wehrte sich das Dritte Reich gegen seinen Untergang und die Parolen vom „fanatischen Widerstand bis zum Endsieg“ (Victor Klemperer/LTI) zeitigten doch noch ihre Wirkung. Die Aktion war von Anfang an zum Scheitern verurteilt und brachte lediglich den Ort und seine Einwohner in höchste Gefahr.

Beschuss und zweite Besetzung von Kleinmölsen am 11. April 1945

Das CCB steht unter dem Kommando von Lieutenant Colonel [Oberst] und späterem 4-Sterne-General Creighton W. Abrams (1914-1974), der als Befehlshaber hinter den Ereignissen um Kleinmölsen steht. Der Verband soll den Vormarsch nach Osten an der Nordflanke der 4. Armored Division führen und rückt seit dem Morgen des 11. April aus dem Raum nördlich von Gotha auf Erfurt-Gispersleben und weiter über den Roten Berg in Richtung Kerspleben und weiter vor. Gegen 12.00 Uhr erreichte die Spitze der Hauptkräfte des CCB Ottstedt am Berge und war dorthin ohne Behinderungen dem Weg der Aufklärer von Kerspleben aus gefolgt. Ihr Befehl war ausdrücklich, ohne Halt bis zur Saale vorzustoßen; unterwegs erkannte Widerstandsnester waren dabei zu umgehen und der nachrückenden Infanterie zu melden und zu überlassen. Was dann passiert, schildert der Militärhistoriker Jürgen Möller aufgrund seiner tiefen Beschäftigung mit den Abläufen so:

„Zu dem Zeitpunkt, als die Spitze der Kolonne des CCB bereits Ottstedt am Berge erreicht hat, kommt es bei Kleinmölsen zu einem Zwischenfall. Aus Richtung des Ortes … wird zwischen 12.00 und 13.00 Uhr plötzlich auf die vorbeifahrende Kolonne gefeuert. Kurz darauf entdeckt ein Team der Vorgeschobenen Artilleriebeobachter des begleitenden 22nd Armored Field Artillery Battalion (Gepanzertes Feld-Artillerie-Bataillon) in Kleinmölsen deutsche Geschütze. … Dann meldet ein herbeigerufener Artillerieluftbeobachter weitere deutsche Panzer in der unmittelbaren Umgebung. Angesichts dieser Bedrohung in der offenen Flanke des CCB und der Gefahr eines Gegenangriffs geht sofort der Befehl an Lieutenant Colonel Arthur C. Peterson, den Commanding Officer des 22nd Armored Field Artillery Battalion, die Panzer im Ort unter Beschuss zu nehmen. Außerdem wird Luftunterstützung angefordert. Auf der Straße Kerspleben–Töttleben aufgefahrene M-7 Haubitzen eröffnen das Feuer, während P-47 ‚Thunderbolt‘-Jagdbomber des XIX. Tactical Air Command (19. Taktisches Luftkommando) die Fahrzeuge angreifen, die teilweise noch versuchen, in Richtung Großmölsen zu entkommen. Parallel hierzu werden die Co. C 37th Tk Bn [das 37. Tank Batallion / Panzerbataillon] und die Co. B 10th AIB [das 10. Armored Infantry Batallion / Panzerinfanteriebataillon], die sich im hinteren Teil der Kolonne des CCB befinden, alarmiert. Diese halten an und schwenken jetzt auf Kleinmölsen ein. Nachdem die Jagdbomber und die Artillerie ihr Werk beendet haben, rücken die Panzer und Panzerinfanteristen entlang der Straße und über die Felder auf den Ort vor.

Als sie ohne Gegenwehr in den Ort einrücken, stoßen sie auf sechs PzKpfw III und IV [Panzerkampfwagen] und zwei Zugmaschinen mit Pak [Panzerabwehrkanonen]. Zwei werden am östlichen Ortsausgang, eines am westlichen Ortsrand und zwei auf der Vieselbacher Straße zwischen Mühlgraben und Linderbach gefunden. Ein Fahrzeug war auf seiner Flucht zwischen Klein- und Großmölsen in der Gramme steckengeblieben. … Ein Fahrzeug wird auf der Flucht Richtung Udestedt zirka 150 bis 200 Meter nördlich des Dorfes von Jagdbombern angegriffen und zerstört.

Im Resultat jenes sinnlosen Gefechts werden im Ort mehrere Scheunen zerstört, mehrere Wohnhäuser und die Kirche werden beschädigt. Dennoch hat der Ort Glück im Unglück, denn niemand kommt zu Schaden, auch keine deutschen Soldaten.“

Über den deutschen Soldaten Paul Warzel wurde in diesem Zusammenhang bereits ausführlich berichtet, denn er versteckte seine Brieftasche und seine Erkennungsmarke unmittelbar vor der Gefangennahme in den Dachsparren eines 1902 als Spritzenhaus erbauten Häuschens in der Brauhausstraße (Abriss 2005). Heute befindet sie sich in der Heimatstube, während alle Bemühungen um die Ermittlung von Angehörigen bisher ins Leere liefen. Über die Zerstörungen und Kriegshinterlassenschaften in Kleinmölsen wird noch berichtet.

Kleinmölsen in den US-Kriegstagebüchern

In der Bibliothek der United States Army Armor School in Fort Knox (Kentucky) sind die After Action Reports (Kriegstagebücher) der 4th Armored Division archiviert – eine von mehreren wichtigen Quellen zur Klärung der Abläufe des 11. April in Kleinmölsen. Der hier interessierende Eintrag lautet: „ … Bei Kleinmolsen wurde eine Gruppe von feindlichen Panzern entdeckt und C/37 und B/10 positionierten sich, um der Gruppe zu begegnen. Mit Hilfe der Luftunterstützung wurden 6 Panzer zerstört und die Verbliebenen waren gezwungen sich zurückzuziehen. Der Rest der Gruppe zog weiter und teilte sich bei Ottstedt in zwei Einsatzgruppen. …“ (Originaltext: „ … At Kleinmolsen a group of enemy tanks was spotted and C/37 and B/10 went into position to meet the group. With the aid of the air support, six tanks were destroyed an the remainder were forced to withdraw. The rest of the force continued to move and at Ottstedt split into two task forces. …“).

Ein weiterer Eintrag zu Kleinmölsen ist in der G2-Meldung des 319th Infanterie-Regiments/XX. US-Corps vom Abend des 11. April enthalten. Hier heißt es schlicht: „2 feindliche Panzer in J378749“ und  „6 feindliche Panzer zerstört in der Nähe von J378750.“ („2 enemy Tks at J378749“ / „6 enemy Tks destroyed vic J378750.“), wobei die Ortsangabe Kleinmölsen hier durch ein spezifisches Koordinatensystem verschlüsselt und deshalb für Laien gar nicht erkennbar ist. (Fortsetzung folgt)

Frank Störzner

 

Kriegsende-05
Südlicher Ortsrand mit dem Mühlengrundstück links (Mühlgasse 15 / Abriss 1999) und US-Thunderbolt-Jagdbomber P-47 über dem Ort.
 
Kriegsende-06
Vermutlich Blick in Richtung Großmölsen: Panzer des CCB feuern auf fliehende deutsche Fahrzeuge (im Hintergrund).
 
Kriegsende-07
Die Panzer mit aufgesessener Infanterie in der Udestedter Straße, links das Haus Franke (Nr. 37), rechts Scheune Ketschau und Gaststätte.
 
Kriegsende-08
Die Panzer mit aufgesessener Infanterie am nördlichen Ortsrand (etwa in Höhe der Lagerhalle der Agrargenossenschaft).
 

Fotos: Tec 4 Walter E. Cummings, 166th Signal Photo Co., National Archives Washington.

Repros und Zitatstellen: Jürgen Möller, Panzerkeile auf der Thüringer Autobahn. Bad Langensalza: Verlag Rockstuhl 2017.