Kleinmölsen unter Beschuss (Teil I)

Kleinmölsen unter Beschuss (Teil I)
Neue Erkenntnisse und Fotos vom Kriegsende 1945 im Dorf

Der 11. April 1945 war ein Mittwoch, dem auch die Einwohner von Kleinmölsen in banger Erwartung und Unruhe entgegen sahen. Der immer stärker zu vernehmende Geschützdonner kündigte die näher rückende Front an. Die Truppen der Dritten US-Armee unter General George S. Patton (1885-1945) hatten am 1. April die Werra überquert und erreichten am Abend des 11. April die Saale. Wenige Stunden vorher war es an diesem Tag beim Vormarsch in Kleinmölsen zu einer überaus kritischen Situation gekommen, die dem Ort und seinen Bewohnern schnell zum Verhängnis hätte werden können. Diesem Zwischenfall ist es zu „verdanken“, dass es Text- und sogar Filmmaterial über das Kriegsende in Kleinmölsen gibt.
Das sogenannte Dritte Reich, das aus Sicht der nationalsozialistischen Machthaber eigentlich ein ewiges, tausendjähriges werden sollte, lag nach 12 langen Jahren in seinen letzten Zügen und ging in Blut, Schutt und Asche unter. Der „Irrweg einer Nation“ (Alexander Abusch) hatte in einen verbrecherischen Krieg geführt, der – 1939 von Deutschland gegen seine Nachbarn begonnen – nun mit voller Wucht hierher zurück gekehrt war.

Die neuen Bild- und Textquellen
Bereits seit einigen Jahren ist bekannt, dass die Kleinmölsener Ereignisse des 11. April 1945 im Nationalarchiv der USA (National Archives and Records Administration Washington D. C.) und in der Library der Armor Center School, Fort Knox in Kentucky, gut dokumentiert sind. Sogar eine Filmsequenz ist erhalten geblieben und bestätigt die bisher bekannten Einträge in der Ortschronik (zeitnah notiert von Pfarrer Gerhard Bley), die Zeitzeugenberichte von Gerald Franke, Erhardt Graf, Werner Ketschau und weiteren Einwohnern sowie die in der Heimatstube verwahrten Sachzeugen. Nie wird der Autor den Augenblick vergessen, als im Jahre 2006 Werner Ketschau (1925-2007) dieser Film vorgeführt wurde, er darin auch sein Haus erkannte und alle seine aufgeschriebenen Erinnerungen bestätigt sah – mit Tränen in den Augen angesichts dieser plötzlich wieder hochgespülten dramatischen Augenblicke vor 61 Jahren. Mit 17 Jahren zur Wehrmacht eingezogen, wurde er in Ostpreußen verwundet und war seit Jahresbeginn 1945 auf Genesungsurlaub. Weil er nicht die Absicht hatte, zur Front zurück zu kehren, schlug sich Werner auf riskanten Wegen nach Kleinmölsen durch und versteckte sich auf dem väterlichen Hof. Hier erlebte er die Befreiung am 11. April 1945 hautnah, denn in der Hofeinfahrt parkte ein Schützenpanzerwagen.
Angesichts des ortsgeschichtlich bedeutsamen Sensationsfundes tut sich die Frage nach dem Grund der bisher geübten publizistischen Zurückhaltung auf. Sie war dem Umstand geschuldet, dass erst die fachkundige Auswertung und Einordnung der neu bekannt gewordenen Quellen durch den Militärhistoriker Jürgen Möller abgewartet werden wollte. Er ist der ausgewiesene Kenner dieses Themas und Autor der Buchreihe „Das Kriegsende in Mitteldeutschland 1945“, die seit 2010 im Verlag Rockstuhl (Bad Langensalza) erscheint. In deren Band 9 und noch ausführlicher im jüngst erschienenen Band 10 werden die Kleinmölsener Ereignisse erstmals minutiös beschrieben und in die militärischen Zusammenhänge und Truppenbewegungen jenes Tages eingeordnet. Dazu gehörte auch die vollumfängliche Auswertung der Kriegstagebücher/After Action Reports der im April 1945 hier operierenden Einheiten. Dass die Ortsangabe „Kleinmölsen“ mitunter auch als Koordinatenangabe verschlüsselt ist, deutet die Schwierigkeiten einer Ablaufrekonstruktion an. Die nachfolgend geschilderten Details, die aus der kundigen Zusammenführung dieser historischen Quellen und der Erinnerungsberichte fußen, sind den Büchern von Jürgen Möller entnommen. Für die freundlich gewährte Erlaubnis wörtlicher Übernahmen ist dem Autor ausdrücklich zu danken.

Die erste Besetzung von Kleinmölsen am 11. April 1945
Nach einem taktisch begründeten Zwischenstopp im Raum Gotha hatte am Vortag die entscheidende Etappe zur Eroberung Mittelthüringens durch die US-Truppen begonnen. Unter nördlicher Umgehung der Städte Erfurt, Weimar und Jena begannen die Infanteriedivisionen des XX. US-Corps der 3rd US Army ihre Offensive nach Osten, unterstützt durch die Panzer der 4th und 6th US Armored (Panzer-)Divisionen. Um zügig voran zu kommen, sollten örtliche Widerstandsnester entweder sofort zerschlagen/überrannt oder aber umgangen und den nachrückenden Verbänden überlassen werden.
Das Combat Command B (CCB / Kampfverband B der 4. Panzerdivision) unter dem Kommando von Lt. Col. (Oberstleutnant) Creighton W. Abrams rückte am späten Vormittag des 11. April von Gispersleben her über den Roten Berg und den Stollberg in Richtung Kerspleben vor. In Höhe des heutigen Gewerbegebietes kam es zu einem kurzen Feuergefecht, wobei die Panzer den Ort ohne anzuhalten beschossen. „Ohne weiteren Widerstand geht es durch das Dorf nach Töttleben. Dann erreichen sie die Straßenkreuzung südlich von Kleinmölsen, wo sich eine Gruppe aus zwei Panzern und einem Schützenpanzer aus der Kolonne löst und in den Ort fährt. ‚In Ortsmitte [vor dem Gehöft der Familie Ketschau / Brauhausstraße 50 – Stö.] postierten sich zwei Panzer entgegengesetzt, also mit dem Geschützrohr nach Norden (Richtung Udestedt) und Süden (Richtung Kreuzung Vieselbach). Ein SPW stellte sich mitten in die Einfahrt zum Gehöft, neben den Panzern. Weil alles ruhig war, fuhren sie wenig später weiter in Richtung Süden (also zur Kreuzung zurück).‘“ Mit dem SPW (Schützenpanzerwagen) meinte der Zeitzeuge ein gepanzertes Begleitfahrzeug mit 3-4 Insassen.
Während die drei Fahrzeuge dieser Aufklärungskräfte mitten im Ort standen und ihn vermutlich als ruhig und „feindfrei“ meldeten, hatten die Spitzen der weiterfahrenden Kolonne schon Ottstedt a. B. erreicht und mit der Erkundung der weiteren möglichen Vormarschstrecken begonnen. Dabei kam es zu einem ersten Kontakt mit dem KZ Buchenwald, wo zwischen 11.00 und 11.30 Uhr Panzeralarm ausgelöst wurde.

Sicher hatten die Einwohner von Kleinmölsen gehofft, dass mit der kampf- und widerstandslosen Besetzung ihres Ortes der Krieg für sie jetzt vorbei sei. Die nun reale Ankunft der US-Truppen im Ort löste eine Mischung aus Angst, Neugier, aber auch Erleichterung aus. Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch niemand, dass es kurz danach in Kleinmölsen doch noch zu einem Kampfeinsatz mit Bombardierung und Zerstörungen kommen würde: Kaum hatten die drei US-Fahrzeuge den Ort wieder verlassen und waren in die Kolonne auf der Straße nach Großmölsen eingeschert, näherte sich von Nordwesten her über den Gottesrain eine kleine Gruppe von deutschen Panzern und Panzerabwehrkanonen mit ihren Zugmaschinen. Der Erinnerung nach geschah das etwa zwischen 11.00 und 12.00 Uhr und löste im Ort große Besorgnis aus. Immerhin hatte Thüringens Gauleiter, Reichsstatthalter und Verteidigungskommissar Fritz Sauckel noch am Tag zuvor in der Thüringer Gauzeitung „soldatische Treuepflicht gegenüber dem Führer“ und die Vernichtung des Feindes eingefordert. Dass Sauckel da schon längst auf der Flucht war, konnte hier noch niemand wissen. (Fortsetzung folgt)
Frank Störzner
 
Kriegsende-01
Blick von Töttleben nach Kleinmölsen. Die Panzer des CCB auf der Straße warten ab, während Jagdbomber den Ort angreifen.

Kriegsende-02
Blick von Töttleben nach Kleinmölsen. Die Panzer des CCB auf der Straße warten ab, während Jagdbomber den Ort angreifen.

Kriegsende-03
Blick von Töttleben nach Kleinmölsen. Die Panzer des CCB auf der Straße warten ab, während Jagdbomber den Ort angreifen.

Kriegsende-04
Panzer am Anfang der Udestedter Straße, zwischen Kirchplatz 29 (Glaaß) und Brauhausstraße 50.