Kleinmölsener Kinderträume

“Kleinmölsener Kinderträume“

unsere Kindergarten-Ausstellung

Eine Reminiszenz zum 75. Geburtstag von Regina Ballin

Es wurde richtig eng am 1. Adventssonntag im Bürgerhaus, als unsere Ausstellung eröffnet wurde. Die Kinder des Großmölsener Kindergartens mit ihren Betreuerinnen Frau Lauß und Frau Groch trugen Lieder und Ge­dichte vor. Im Anschluss an einen Rückblick auf die Geschichte unseres Kin­dergartens und das Zustandekommen der Ausstellung überreichte die Bürgermeisterin, Frau Poppitz, das lange vorbereitete Geschenk zum 75. Geburtstag an die hochverehrte Kleinmölsener Kindergärtnerin Frau Re­gina Ballin: eine Erinnerungstafel an ihre 33 Kleinmölsener Berufsjahre, versehen mit Bildern ihres ersten und ihres “letzten“ Jahrganges 1951 und 1984.

Schon im Vorjahr, als uns Frau Ballin ihre Fotosammlung leihweise über­ließ, entstand die Idee einer Ausstellung. Immerhin waren hier fast alle Kinder abgebildet, die zwischen 1951 und 1984 den Kindergarten am Kirchplatz 28 besuchten, also 2 Generationen von Kleinmölsenern, unge­fähr 180 – 200 Kinder! Die Bildauswahl wurde ergänzt um die nach dem Aus­scheiden von Frau Ballin 1984 entstandenen Fotos bis zum Schluss im Herbst 1996, als unser Kindergarten in dem von Großmölsen aufging. Die Zeiten nach dem Anschluss der DDR ließen keine andere Wahl, auch wenn Bürgermeisterin Biener und ihr Gemeinderat seinerzeit lieber auf ihr Herz gehört und den Kindergarten als soziale Einrichtung im Ort behalten hätten! In diesen letzten 12 Jahren, von 1984 bis 1996, leitete mit Frau Regina Lauß aus Udestedt eine ebenso engagierte Kindergärtnerin die Kleinmölsener Einrichtung. Nur 7 Kinder hätten den Kindergarten 1997 noch besucht (auch eine “Wende’lolge!), und den schweren Beschluss zur Schließung traf der Gemeinderat am 24. Juni 1996. Im November 1996 war der Umzug.

Der Anfang

Die Einrichtung eines Kindergartens in Kleinmölsen geht auf die Lehrerin und Kleinmölsener Schulleiterin Charlotte Patzak zurück, die als Neuleh­rerin 1945 in den Ort gekommen war. Als Vertreterin der SED-Fraktion im Gemeinderat gab sie in der Gemeinderats-Sitzung am 12. Juni 1948 im damaligen Gasthaus Schaffner (unserer heutigen “Erholung“) die Anre­gung dazu. TOP 2 ist der “Antrag der SED-Fraktion über Errichtung eines Kindergartens“…. Hierzu informiert die hiesige Schulleiterin Frau Patzak. Sie hält es für anbetracht, doch auch im hiesigen Ort einen Kindergarten einzurichten,… zumal auch das Gehalt der Kindergärtnerin vom Staat be­zahlt wird… Mit den vorläufigen Einleitungsarbeiten ist Frau Patzak be-auftragt worden“, heißt es im Protokoll der denkwürdigen GR-Sitzung. Der Gemeinderat (Charlotte Patzak, Edwin Tragboth, Karl Schaffner, Karl Fran-kenhäuser, Willi Sennewald, Alfred Wipprecht, Artur Ud.hardt, Ernst Röh-richt und Hans-Joachim Hoffmann) stand einstimmig hinter dem Vorha-ben. So konnte Bürgermeister Edwin Ketschau in seinem Jahresbericht am 30. Dezember die noch 1948 erfolgte Eröffnung des Kindergartens vermelden. Edwin Ketschau (1918 -1981) war ein sehr sozial denkender und um Gerechtigkeit bemühter Mensch.

Das Essen erhielt der Kindergarten über die längste Zeit seines Beste-hens hinweg von der LPG-Küche in Ollendorf (heute Landhotel mit ge-pflegter Gastronomie). In den Anfangsjahren gingen die Kinder mittags nach Hause oder brachten ihr Essen mit, das die Kindergärtnerin dann aufwärmte(i).

Von der ersten Kindergärtnerin war zunächst nur bekannt, dass sie mit dem Vornamen Anni hieß und an der Kreuzung bei Familie Thieme (Lenk) wohnte. Erst die Durchsicht der Volksbildungsakten im Thüringischen Hauptstaatsarchiv Weimar brachte die sichere Aufklärung: Sie hieß Anni Wejda (Leiterin und zugleich “Erziehungshelferin“), gehörte der LDP und dem FDGB an. Der Kindergarten hatte 1950 20 Plätze, von denen 16 be­legt waren. 7 Kinder davon waren von Umsiedlern bzw. Heimatvertriebe­nen. Interessant sind noch die Öffnungszeiten von 8.00 bis 15.00 Uhr; 3 Mark “Erziehungsgeld“ waren von den Eltern zu entrichten. 16-19 Kin­der waren später auch der Durchschnitt, die größte Zahl waren 27 Kinder! Und die lange Verweildauer der Kinder (3 Jahre) machte den Kindergarten zu einem stabilen Faktor für das Kind.

 

Die Situation nach dem Krieg

Nach dem Krieg war die Einwohnerzahl hochgeschnellt: 1948 hatte Klein­mölsen 345 Einwohner, von denen 130 sogenannte “Neubürger“, also Um­siedler bzw. Heimatvertriebene, waren, also fast 38 % der Einwohner­schaft. Es herrschte eine angespannte soziale Situation im Ort; die Aus­wirkungen des Krieges und seiner Folgen waren allenthalben zu spüren. Das Bemühen, den Kindern des Ortes einen “geregelten“ Alltag, Spiel­zeug und Beschäftigung, gesicherte Mahlzeiten, einen beheizten Raum, Krankheitsvorsorge u. ä. zu bieten, ist aus heutiger Sicht hoch anzuer­kennen; die Mühen und Schwierigkeiten beim Aufbau einer solchen Ein­richtung (Brennholz und Versorgungsproblematik!) sind heute nur noch schwer vorstellbar. Herr Ernst Röhricht, der einzige noch Lebende des da­maligen Führungszirkels im Ort, weiß davon noch heute spannend zu be­richten.

Wir wissen nicht, wohin Anni Wejda 1951 ging und was aus ihr wurde. Auf dem ältesten Bild der Ausstellung, das Familie Münnich beisteuerte, ist sie wenigstens ein bisschen zu erkennen.

Die Einrichtung von Kindergärten im Rahmen des Bildungswesens wurde von der SMAD (es war ja noch vor der DDR-Gründung!) gefördert. Es ging darum, nach der Katastrophe des Krieges die neue Generation in öffent­lichen Einrichtungen antinationalsozialistisch und humanistisch zu erzie­hen. In der ersten Richtlinie für Kindergärten der Deutschen Verwaltung für Volksbildung vom 1. Juli 1946 (in der Ausstellung zu sehen) lautet ein Kernsatz: “Hauptaufgabe des Kindergartens ist die Erziehung von Kindern nach demokratischen Prinzipien frei von allen faschistischen, rassischen, militaristischen und anderen-reaktionären Ideen und Tendenzen.“ Aber auch aufgrund des Arbeitskräftemangels in der Nachkriegszeit wur­den Kinderbetreuungseinrichtungen gefördert, wobei später gerade auf dem Land die ganztägige Kinderbetreuung auch ein Argument für die Kol­lektivierung der Landwirtschaft bildete. Bereits 1950 besuchte jedes fünf­te Kind in der DDR einen Kindergarten, 1955 bereits jedes dritte, und in den 1980-er Jahren besuchten 90 % der Kinder den Kindergarten. Die Geschichte des Kindergartens in der DDR ist hier nicht weiter zu ver­tiefen; darüber gibt es hochinteressante Literatur. Selbst westdeutsche Au­toren und Pädagogen schätzen heute ein, dass die sozialen Garantien der DDR für die Mütter zu den am meisten als bewahrenswert einge­schätzten Subventionen zählen und das Betreuungsnetz der DDR in Eu­ropa einmalig war. Dass auch die Kindergärtnerin offiziell an politische und staatliche Vorgaben gebunden war, ist natürlich, doch was die Kinder­gärtnerin in der täglichen Praxis daraus machte, ist die andere Seite! Und hier war Frau Ballin ein Glücksfall für Kleinmölsen.

Die neue Kindergärtnerin – Frau Regina Ballin

1927 in Küstrin im Brandenburgischen geboren, kam sie mit ihrer Familie 1937 nach Thüringen, wo der Vater Arbeit gefunden hatte. Den Beruf der Kindergärtnerin erlernte sie wie ihre Schwester – Frau Krug leitete den Kindergarten in Großmölsen – auf dem Pädagogischen Institut in Mühl­hausen. Sie wirkte zunächst vier Jahre in Ollendorf, bevor sie 1951 nach Kleinmölsen kam. Nie zuvor hat es hier eine pädagogisch und didaktisch so durchdachte Kinderbetreuung gegeben.

Es gab einen strukturierten Tagesablauf mit Frühsport, dem “Morgenkreis“ mit Gesprächen und Singen, dann den “Beschäftigungen“, Spielen, Mit­tagsruhe, Spaziergänge in die Natur (Bilder: “Kindergarten-Bad in den Pfählen“, “Märchenstunde auf der Wiese“, Wanderungen zu den Kinder­gärten in Großmölsen oder sogar nach Ollendorf). Bei den Beschäftigun­gen sprechen die Bilder Bände, wie ideenreich den Kindern das Leben nahegebracht wurde. Auch das Improvisieren lernten die Kinder spielend: da ist die Friseur-Haube, die aus einem alten Eierkorb und Silberpapier entstand. Oder Bäumchen aus Maisblüten. Ohnehin wurde viel gemalt und gebastelt, z. B. die Gipsplastiken oder Vasen als Geschenk für Mutti. Und die Kindergärtnerinnen hatten für eine liebevolle Geste oder ein trö­stendes Wort bei den großen Sorgen der Kleinen immer Zeit. Selbst die oft gefürchteten Fachberater der Volksbildung lobten die Eriehungsarbeit im Kleinmölsener Kindergarten, z. B. auch die Aufgabenverteilung durch sog. “Ämter“ (“Blumen-Amt“, “Staub-Amt“).

Zum Ende des Kindergartens waren viele Spielzeuge und Einrichtungs­gegenstände einfach verbraucht, und das ist auch der Grund, weshalb so wenig an Originalen erhalten ist.

Die anderen Mitarbeiterinnen

Nicht vergessen sind natürlich auch die anderen Kindergärtnerinnen bzw. Helferinnen, die zum Wohle der Kinder in Kleinmölsen tätig waren und auf dem einen oder anderen Bild zu sehen sind: Frau Wlocka, die Mutter von Frau Ballin und Frau Krug (1951 bis 1968), Frau Frieda Nimmrich aus Großmölsen (1970 bis 1981), Frau Isolde Diedrich (1978 bis 1994/be­reits Kindergartenkind bei Frau Ballin!), Frau Bachmann aus Udestedt, Anna Surma, Wally Amme, Margot Albrecht, Elvira Bloßfeld, Gertrud Lotze (t), Frau Menzel (t) aus Udestedt, Ute Saul (jetzt Burggraf) aus Ollendorf, auch Doris Höpfner – und natürlich Regina Lauß aus Udestedt, immer unterstützt von Bürgermeisterin Hedwig Biener, die bis 198b im gleichen Haus am Kirchplatz residierte.

“Eine bessere Kindergärtnerin konnte es für unsere Kinder nichtgeben“, das sagte eine Kleinmölsenerin, die selbst und dann ihre Tochter bei Frau Bal­lin in den Kindergarten ging. Und diesem Urteil ist nichts hinzuzufügen!

Frank Störzner, Kleinmölsen

 

Auszug aus dem Amtsblatt der Verwaltungsgemeinschaft

GRAMME-AUE 20.12.2002